Allgemein 16. Januar 2017 Ilja 2 comments

Meine Diagnose

Jede Krankheit braucht erstmal eine Diagnose und jede Diagnose braucht auch ein paar Symptome. In den folgenden Zeilen soll es darum gehen, wie ich die Zuckererkrankung entdeckte und was alles an dem großen Tag passierte, als ich am 9. August 2016 in das Krankenhaus spazierte.

Das Vorgeplänkel

Im Frühjahr bis Sommer 2016 habe ich mit meine Bachelorarbeit geschrieben, zwei Nebenjobs angenommen und noch als Chefredakteur beim Campusradio Dresden fungiert. Langweilig wurde mir also nicht, so dass es mich mit einer Grippe im März flachlegte. Meine Hausärztin meinte zu den langanhaltenden Fieberschüben nur, dass es am Geschlecht liege, da der Stoffkreislauf mehr beansprucht wird, als bei weiblichen Artgenossen. Anfang Juli 2016 habe ich die ersten typischen Symptome der Diabetes verspürt, die ich zuerst gar nicht so wahr genommen habe. Müde und kraftlos? Darf man bei den ganzen Hobbys sein. Ständig Durst? Einer meiner Nebenjobs ist im Servicebereich eines Kinos, das heißt, viel laufen, teilweise bis zu 12 Kilometer am Tag. Da wird es einem durchaus warm ums Herz. Daher also der Durst und das viele trinken. Wadenkrämpfe? Das kommt vom Sport und dem vielen Laufen auf Arbeit. Einzig der ständige Gang auf Toilette ließ sich so nicht erklären. Eigentlich sollte nach der Abgabe der Bachelorthesis alles besser werden und die Symptome einfach verschwinden, das redete ich mir zumindest ein.

Sichtlich abgemagert. Von meinen 75 kg auf 68 kg runter.

Die Henkersmahlzeit

An den Tag vor der Diagnose kann ich mich eigenartigerweise noch ziemlich gut erinnern. Es war ein Montag und wir erhielten Besuch von meiner Mama. Ich hatte frei und es war ziemlich warm. Wir entschlossen uns den Großen Garten aufzusuchen. Während dem Spaziergang versorgten wir uns mit einigen Snacks. Gelbe Wassermelone, einige belegte Brötchen und zwei leckere Kugeln Eis aus dem Sommergarten am Palais. Wer denkt als Normalsterblicher schon großartig über das Essen nach? Einige Tage zuvor hatte ich Schaschlik nach Hausrezept eingelegt, denn zum elterlichen Besuch sollte gebührend angestoßen werden. Am Abend gab es also reichlich Fleisch vom Spieß, Salat, dazu leckeres türkisches Fladenbrot und reichlich Rotwein. Aus heutiger Sicht habe ich meinem Blutzuckerspiegel eine saftige Herausforderung gestellt. Dieser revanchierte sich dementsprechend in der Nacht. Ein neuer Rekord beim nächtlichen Toilettengang und Wadenkrämpfe aus der Hölle.

Der Dooms-Day

Das irgendwas nicht stimmte, war mir klar, daher war der Arztbesuch schon länger auf der To-Do-Liste. Aber ständig hatte ich wichtigere Sachen im Kopf. Erst die Bachelorarbeit zu Ende schreiben. Zu viele Dienste im Schichtplan. Noch eine Aufgabe im Ehrenamt beenden. Kein Bock. Am Tag nach der Henkersmahlzeit sollte es nicht anders sein. Eigentlich wollte ich ein bisschen ins Büro zum Arbeiten, da die bessere Hälfte ebenso Arbeiten musste und die Mama derweil in der Stadt zum Shoppen absetzen. Abends gemütlich ins Kino. Es kam anders. Meine Oma hatte Diabetes Typ 2, so dass wir noch ein Blutzuckermessgerät hatten. Dieses hatte meine Mama dabei, da sie – wie Mütter halt so sind – schon länger die Diabetesvermutung hatte. Vor dem Frühstück der erste Pieks. Ein Blutzuckerwert mit 13 mmol/l. Doktor Google bemüht. Nicht normal. Mehr als doppelt so hoch, als er sein sollte. Erstmal frühstücken, das wird schon wieder. Danach soll es gleich zum Hausarzt gehen. Der ist im Urlaub, also erstmal wieder Google. Die 13 verteilt sich gleichmäßig im Kopf.

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Viele Serien und schlaflose Nächte. Mein erster Besuch im Krankenhaus.

Wie ernst die Situation ist, wird mir nicht bewusst. Bei einer neuen Praxis frage ich eher sanft, wann ich vorbeikommen könnte und erwähne nebenbei die Symptome. Ich soll doch lieber in der Praxis bleiben, ich denke, die Praxisschwester weiß auch schon Bescheid. Ein Stunde vergeht und ich komme dran, erzähle erneut meine Symptome und wer alles in der Familie an Diabetes litt. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Diabetes eine Alterskrankheit ist, man kennt ja schließlich niemanden mit der Krankheit in diesem Alter. Erneut Blutzuckermessung. Eine 21 erscheint auf dem Display. Eine kurze Urinuntersuchung. Auch nichts Gutes. Die Ärztin schiebt mir einen hautfarbenen A5-Zettel über den Tisch. Überweisung stationär. „Verdacht auf Dia. mell. 2“. Ich soll nach Hause, meine Tasche für die ersten paar Tage Krankenhaus packen. Der Weg nach Hause fühlt sich bleiern an. Was packe ich ein? Was brauche ich? Gibt es dort Internet? Wo ist das Krankenhaus überhaupt? Ich war noch nie Patient im Krankenhaus, immer nur Gast. Schnell noch ein paar Podcasts herunterladen.

Das Krankenhaus

Auf dem Weg in das Krankenhaus blätterte ich kurz Wikipedia durch, wo ich da überhaupt hinfahre. Napoleon Bonaparte residiert dort kurzzeitig. War zwar damals noch kein Spital, aber machte doch einen netten Eindruck. Eher gemütlich und gefasst spaziere ich in die Notaufnahme. Immer wieder die selben Fragen nach den Symptomen, Blut abnehmen, Urin in die Spritze aufziehen, warten. Die Notaufnahme bescheinigt mir, dass es nicht die Regel ist, das jemand mit möglichem Diabetes so zur Diagnose kommt. Die Regel wäre eher über den Rettungswagen. Danach komme ich auf Station, lange Stunden vergehen, ohne das etwas passiert. Nach Reden ist mir nicht zumute, da sich die bleierne Weste „Diabetes“ sich immer mehr füllt und ich Stück für Stück realisiere was nun kommen mag. Die ersten Piekser in den Finger auf Station sind ebenfalls noch fremd. Alles erscheint eher als eine Sache von ein paar Wochen, statt ein Leben lang. Die erste tatsächliche Realisation kommt erst am zweiten Tag im Krankenhaus zum ersten Schulungstag. „Diabetes Typ 1 ist eine chronische Krankheit. Sie werden jetzt lebenslang Insulin spritzen müssen.“ Ich muss was? Wie lange? Dieser Tag ist geprägt von viel weißem Rauschen und zahlreichen Tränen, die immer wieder stoßweise komen. Ich führe ab dem 09.08.2016 eine ungewollte Dreiecksbeziehung.

2 Gedanken zu „Meine Diagnose

  1. Hallo Ilja,
    ich bin gerade über dedoc auf deinen Blog gestoßen und muss dir schon jetzt ein Kompliment aussprechen. Ein toller Blogname – und das Logo erst! Auch deine Schreibweise gefällt mir sehr. Ich hoffe der erste Schock ist verdaut? Ich stelle mit die Diagnose in dieser Lebensphase wirklich schwieriger vor. Als Kind weiß man ja gar nicht so richtig was passiert, wächst dann damit auf und kennt es am Ende gar nicht anders. Aber was, wenn man sich an das Leben „davor“ erinnert? ich glaube, das ist manchmal wirklich schwer.
    Deswegen super toll, wie du das gerade machst und weiter so, ich werde definitiv Stammleserin.

    Und Willkommen bei den Diabetes-Bloggern 😉

    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Hallo Lisa,

      vielen Dank für deinen Kommentar und den ganzen Lob. Diesen gebe ich auch gerne weiter, wäre nicht mein Type F, würde ich wohl auch nicht schreiben.
      Der erste Schock ist auf jeden Fall verdaut und ich werde von Woche zu Woche mutiger mit dem Anhängsel. Dieses zurückerinnern kommt mittlerweile nur noch phasenweise, worüber ich ganz froh bin. Die ersten Wochen konnte ich mich gar nicht konzentrieren, weil ich alles mit diesem wehmütigen Blick zurück sah.:D
      Für die erste Orientierung und „Alles halb so schlimm“-Einstellung hat mir unter anderem dein Blog sehr geholfen und da möchte ich mich bedanken. 🙂

      LG
      Ilja

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