Allgemein 18. Februar 2017 Ilja No comments

Der Diabeteskopf

Gestern ging offiziell die International Conference on Advanced Technologies and Treatments on Diabetes (ATTD) in Paris zu Ende. Über Twitter und Instagram hat man einen interessanten Einblick erhalten, in die Technologien die bald auf den Markt kommen sollen. Eingepflanzte Chips, neue Pumpen und neue Kooperationen zwischen den Firmen, aber am interessantesten fand ich einen Tweet von Tine (icaneateverything) von einem Vortrag u.a. über emotionale und physische Belastungen. Da wurde mir erst bewusst, was man an Gedanken mit sich trägt bzw. mittragen muss. Der Diabeteskopf.

Physische Belastungen

Die physischen Belastungen in meinem Diabeteskopf sind zumindest auch für andere sichtbar. Tägliches Insulinspritzen, Überprüfung von Blutzuckerwerten, Zählen von Kohlenhydraten und sonstige Beachtung im Alltag macht das Leben nicht sonderlich einfach. Ich muss jetzt wissen, was ich in den nächsten Stunden tun werde. Ich weiß nicht mal, was ich in den nächsten zehn Minuten tun werde.

Neulich waren wir Burger essen (aktuell der Beste der Stadt), da ich so spät vorher gegessen habe, war noch Insulin am wirken. Angekommen im Imbiss muss ich erstmal rausfinden, welche Brötchen benutzt werden, am besten auch welche Soße auf den Burger kommt. Kohlenhydrate zählen. Wieviel hat denn so ein Briochebrötchen? Wie viel der geteilten großen Portion Pommes muss ich essen um meine geschätzten sieben Broteinheiten zu erreichen? Wie spät ist es und welchen Insulinfaktor muss ich nehmen? Dann kommt der Pieks in die Bauchfalte. Ich zähle bis zehn, damit auch jeder Tropfen auch wirklich im Körper landet. Manchmal tut es weh und der Bauch ist überseht mit blauen Flecken. Es rattert im Diabeteskopf. Was mache ich danach? Zum Glück kein Sport, denn ich habe mich überschätzt und ich unterzuckere. Der Griff zum Traubenzucker erfolgt schon fast automatisch. Eine schnelle BE, eine langsame BE. So hat das Krankenhaus es einem beigebracht. Alles wieder im Lot, der Blutzucker im Normalbereich. Abends trinke ich ein, zwei alkoholische Kaltgetränke. Der Zucker steigt, der Zucker sinkt, eigentlich will ich schlafen gehen, aber der Wert ist zu niedrig. Also nochmal eine halbe Stunde warten und etwas Kleines esse, die Nacht wird kürzer. Neben dem ganzen Alltag, muss nun also auch Platz für Diabetes sein.

Psychische Belastungen

Jetzt wird es tricky im Diabeteskopf. Die psychischen Belastungen sind nicht wirklich sichtbar. Sie äußern sich eher in Reaktionen und Gefühlszuständen und werden eher mit sich selbst ausgekämpft. Die Familie und Freunde können einen dabei unterstützen, aber es ist nicht immer einfach und überhaupt möglich. Die erste Frage die auftaucht: „Warum ich?“. Eine Frage, die man sich nicht beantworten kann, da es keine Antwort darauf gibt. Es hat keinen bestimmten Grund, den man selbst verursacht hat. Selbst wenn man eine Antwort hätte, wäre die Antwort zu spät und würde an der Situation nichts verändern. Aufeinmal beherrschen Zahlen den Alltag. Die magische 100 oder die 5,5 sind das Ziel. Aber welchen Rahmen setze ich mir, diese Werte einzuhalten? Sich zu verrennen, kann schnell passieren. Plötzlich hat alles mit Diabetes zu tun. Eine Magenverstimmung? Diabetes. Das Knie tut weh? Diabetes. Das bessert sich zum Glück, führt aber immer wieder zu Frust und Motivationsverlust. Es rattert im Diabeteskopf.

Es sind Ängste da, an die man früher nicht mal dachte. Man ist gefangen zwischen „LOW“ und „HIGH“. Beides möchte man vermeiden, aber gleichzeitig spontan und leicht im Alltag leben. Von Tag zu Tag fällt es einem einfacher, aber man lernt nie aus. Mutig sein, ist die Devise, auch wenn es einem schwer fällt. Ich erinnere mich zu gut daran, als ich nach dem kontrollierten Krankenhaus die ersten Nächte im heimischen Bett verbrachte. Immer wieder bin ich aufgewacht, aus Angst vor Unterzuckerungen. Diese vergingen schnell, als ich mit dem Libre gesehen habe, wie gut die Nächte aussahen.

Dataoverflow

Mit dem Libre habe ich aber auch gleichzeitig zu viele Zahlen gesehen. Frisch nach der Diagnose konnte ich das FreeStyle Libre Probe tragen und war plötzlich überfordert. Warum steigen die Werte so hoch? Welche Aktivität hat welchen Einfluss auf den Blutzucker? Natürlich liegt die zukünftige Behandlung von Diabetes in der kontinuierlichen Glukosemessung, aber sie ist Fluch und Segen zugleich, da sie einen detaillierten Blick gewährt, der früher nicht möglich war. Es rattert nicht nur im Diabeteskopf, es wird auch zunehmend mit Datenmaterial zugemüllt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.