Allgemein 13. März 2017 Ilja 2 comments

Kur Woche 1: Anschlussheilbehandlung ohne Anschluss

Gleich im Krankenhaus habe ich mit der Sozialarbeiterin den Antrag auf Anschlussheilbehandlung (AHB) ausgefüllt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, wie ich alleine zu Hause mein Essen einschätzen sollte um das Diabetesmonster unter Kontrolle zu halten. Ein gutes halbes Jahr später bin ich nun zur Kur und lerne auch mal andere Diabetiker kennen – offline.

Das es so spät dazu gekommen ist, war auch etwas meine Schuld, denn die Uni schläft nicht und wieder in den Alltag reinkommen, ging zu dem Zeitpunkt eindeutig vor.

Wo bin ich zur Kur?

Nur 40 Minuten von Dresden entfernt liegt die Falkenstein Klinik auf der Ostrauer Scheibe gleich in der Nähe von Bad Schandau. Mit Blick auf die Sächsische Schweiz und wenige Minuten vom Nationalpark entfernt ist die Kurlinik auf etwas mehr als 200 Betten ausgelegt. Behandelt werden hier Herz-, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen, wie die geliebte Diabetes.

Mein eigen ist ein kleines Einzelzimmer, Bad, TV und einem Balkönchen. Es wirkt einigermaßen modern, nur leider ist das Internet hier eine Zumutung und gleicht einer Schnur mit zwei Blechdosen. Dafür werden jedoch 6 Euro für eine Woche verlangt. Ziemlich happig. Das Essen ist lecker und abwechslungsreich. So gab es am Sonntag sächsischen Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffeln. Details kosten extra. Wer kein eigenes Wasser mitbringt, kann hier die Anlagen nutzen, jedoch nur die Flasche der Klinik (3,50 Euro). Die Cafeteria ist regelmäßig geöffnet. Alleine der Pott Kaffee kostet 2 Euro. Ein Automatenkaffee immerhin noch 1 Euro. Man weiß hier durchaus, wie man bisschen Extrageld macht.

Was mache ich?

Sicherlich wäre das Ziel des Aufenthalts zur Kur gewesen, sich richtig einstellen zu lassen und ein paar Details mehr zur Krankheit zu erfahren. Am ersten Tag gibt es ein Aufnahmegespräch und ein paar Tage drauf hat man Visite beim Chefarzt, wobei diese folgendermaßen gestaltet: Fünf Minuten erzählt er von der Welt und dann bist du auch schon wieder raus. Der Herr hat schon ein stattliches Alter und ist meiner Meinung nach schon eher kauzig. Im Diabetesbüro sagte die nette Dame mir nur: „Was mache ich nur mit Ihnen?“ Mit einem HBA1c-Wert von 5,1 und C-Peptid von 1,23 läuft es gerade ziemlich gut. Aber man lernt nie aus. Sporttechnisch habe ich mich eingeschränkt und auch von der Ernährung. Ich esse meist nur das, was ich kenne, was nicht unbedingt zum wachsenden Diabeteserfahrungsschatz führt. Sport mache ich sehr zaghaft. Bin zwar mit dem Libre etwas mutiger geworden, aber so richtig die Grenzen austesten, das habe ich noch nicht vollbracht.

Die erste Woche habe ich also erstmal nur sportlich verbracht. Man fängt hier an in Zahlen zu reden, weil die Behandlungskarte nach denen aufgebaut ist. Am Vormittag eine 8.3 (Ergotherapie), am Nachmittag die 8.6 (Muskelaufbau mit Geräten), zwischendurch die 11.4 (Rückenschule). Falls es die Zeit zulässt, gehe ich, bewaffnet mit BEs und Podcasts, wandern und laufe die verschiedenen Routen ab. Die Klinik liegt in der Sächsischen Schweiz und bietet verschiedene Wanderrouten mit unterschiedlichem Niveau. Die erste Woche ist insgesamt ziemlich langweilig. Ich habe einiges an Filmen, Serien und Podcasts weggeguckt bzw. weggehört.

In der zweiten Woche der Kur geht es erst richtig los. Neben den Basics zur Diabetes (Krankheitsbewältigung, Ketoazidose, Vorsorge, BE/IE-Faktoren) gibt es dann auch die Lehrküche, wo ich mir am meisten erhoffe. Insgesamt habe ich jetzt schon einen Mehrwert, weil ich beispielsweise zum Mittag etwas essen muss, was ich sonst nie gegessen hätte und das BE-Schätzen Fortschritte macht. Auch beim Sport probiere ich ein paar Sachen aus und schaue, wie die Werte reagieren.

Und sonst so?

Das Publikum ist hier meist 50 Plus. Nach den Leuten in meinem Alter muss ich mit der Lupe suchen. Zufälligerweise sitzt ein 24-jähriger mit am Essenstisch, bei dem im Februar Typ 1 diagnostiziert wurde. Der macht sich aber kaum einen Kopf über Diabetes. Handgroßes Brötchen sind halt zwei BEs, in der Mahlzeit zwischendurch spritzen und immer ordentlich rauchen. Außerdem ist noch eine Frau mit am Tisch, die seit 42 Jahren Typ 1 hat. Das erste was sie mir erzählt: „Ich esse zu gerne“. Dadurch sind die Werte nicht so, wie sie sein sollten. Richtiges Korrekturspritzen war für sie die neuste Erkenntnis.

Auf jeden Fall interessant andere Leute zu treffen und mal die eigenen Ziele zu überdenken. Ich habe das Gefühl etwas lockerer zu werden in Sachen Diabetes. Natürlich ist es gut, dass Diabetesmonster zu beherrschen, aber es sollte nicht im Lebensmittelpunkt stehen.

2 Gedanken zu „Kur Woche 1: Anschlussheilbehandlung ohne Anschluss

  1. Es scheint ja nicht der optimale Ort für einen neuen Typ1-Diabetiker zu sein. Auf mich macht es den Eindruck, als wenn Diabetes dort nicht als Schwerpunkt behandelt wird. Das Vermitteln von detaillierten Kenntnissen über DT1 und die Schulung in den wichtigsten Grundlagen sollte doch vom ersten Tag an den größten Raum einnehmen. Meines Erachtens ist dieses nur in einer spezialisierten Klinik für Diabetes angemessen und gut möglich. Du hast zum Glück noch ausreichend eigene aktive Reserven, was sich im aktuellen C-Peptid ausdrückt. Doch irgendwann wirst du mit der kompromisslosen Realität konfrontiert, dass dein Körper keinerlei Insulin mehr produziert. Bis dahin wünsche ich weiterhin viel Erfolg beim Kennenlernen deines ständigen Begleiters.

    1. Hallo Martin,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das der übliche Ablauf ist. Eine Frau am Esstisch hat auch schon in der ersten Woche Schulungen und Lehrküche gehabt. Hängt wahrscheinlich davon ab, wie man hier ankommt.
      Ich bin ganz glücklich über den aktuellen C-Peptid, was die ein oder andere vorläufige Freiheit erlaubt und das Kennenlernen etwas erleichtert. 🙂

      Liebe Grüße

      Ilja

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