Allgemein 5. Juli 2017 Ilja 8 comments

What The Health! – What the Fu**?

What The Health ist der neuste Streich von Kip Andersen (Cowspiracy) und seit Mitte Juni auf Netflix verfügbar. In gut 90 Minuten nimmt er sich die Fleisch-, Milch- und Pharmaindustrie sowie verschiedene Gesundheitsorganisationen vor. Vor allem geht es darum, wie durch schlechte Ernährung, übermäßigen Konsum von Medikamenten und schlechte Beratung Gesundheitsprobleme überhaupt erst entstehen. Im Fokus steht verarbeitetes Fleisch, rotes Fleisch, weißes Fleisch, Eier, jegliche Milchprodukte und auch Fisch. Im ersten Drittel werden noch interessante Fragen gestellt, die einen zum Nachdenken anregen und mit denen die Autoren wichtige Probleme ansprechen. Wir konsumieren in jeglichen Bereichen zu viel und falsch. Wenn es uns schlecht geht, greifen wir lieber zur Tablette, statt zu schauen, was überhaupt die Ursache ist. Und in vielen gesellschaftlichen Bereichen ist das Motto nur noch: Consume & Die. Nach 30 Minuten stellt sich aber die Frage: Was ist die Antwort auf all diese Fragen? Und so langsam riecht man den Braten. Der heilige Gral ist die vegane Ernährung.

Grundsätzlich verfolgt die Dokumentation einen ehrenwerten Ansatz und stellt wichtige Fragen. Sie verzerrt jedoch ihre eigene Idee soweit, dass der Abspann nur noch einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Das Thema Gesundheit erscheint so offensichtlich: Iss‘ einfach nur vegan und alles wird gut. Die Doku macht es sich zu einfach.

know your facts

Eine große Schwachstelle von What The Health ist der Umgang mit Studien. Wer Studien als Fakten heranzieht, sollte auch mit Ihnen umgehen können. Bei den Studien ist zunehmend das Phänomen von „Schrödingers Fleisch“ zu beobachten. Das Fleisch, das wir essen, tut uns gut und bringt uns gleichzeitig um. Ähnliche Situationen lassen sich auch bei anderen Lebensmitteln beobachten. Der Dokumentarfilm nutzt gern Studien, aber scheinbar nur die, die in das Raster passen. „Ich habe hier eine Studie, die sagt …“ hört man immer wieder vom Protagonisten. Viel interessanter wäre doch ein Vergleich von mehreren Studien zur gleichen Thematik. Meine These: Das Ergebnis wäre nicht so passend. Gleichzeitig übersieht man gern den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation. Es entsteht der Eindruck, dass man sich die Wahrheit ein bisschen stark zurecht gebogen hat, um den eigenen Standpunkt besser darzustellen.

Und wo wir bei passenden Ergebnissen sind. Trends sind keine Signifikanzen. Beispielsweise wird eine Studie angeführt, die eine Kausalität zwischen dem Konsum von Kuhmilch und Brustkrebs nahe legt. Schaut man sich die Studie an, wird klar angeführt, dass die Tests nicht signifikant sind, das heißt, die Ergebnisse zufällig sein können. Wenn überhaupt kann man hier von Trends sprechen, aber nicht von Ist-Zuständen. Zwar werden die Quellen auf der Webseite der Doku offengelegt, im Film selbst entsteht der Eindruck, dass es gegebene Fakten sind. Das wird noch verstärkt, in dem der Autor verschiedene Organisationen anruft und nachfragt, warum diese so eine krebserregende Substanz wie Milch bewerben bzw. kooperieren.

Besonders eigenartig war für mich jedoch die Darstellung von Krankheiten. Es ging vor allem um Herz- , Gefäß- und Stoffwechselkrankheiten. Bei den ersten beiden Erkrankungen kann ich nicht mitreden, aber als Diabetiker ist mir der lasche Umgang mit Diabetes stark aufgefallen. Die Rede war immer nur von Diabetes (Typ 1, Typ 2 oder doch Typ 3? – spielt scheinbar keine Rolle) und Heilung (Aha?). Stellenweise erscheint die Aussage so, dass Typ 1 mit einer pflanzenbasierten Ernährung geheilt werden kann. Das ist schlichtweg falsch. Was allein schon dadurch widerlegt wird, dass auch Veganer von Diabetes Typ 1 betroffen sind. Scheinbar dreht sich dann doch alles um Typ 2. Irgendwann ist die Rede davon, dass nicht die Kohlenhydrate und der Zucker Diabetes verursachen. Es sind die Fette. Zucker? Ja, Zucker scheint gar nicht so zu böse zu sein, es gab doch damals in den 1940er Jahren bereits erfolgreiche Diäten damit. Die titelgebende „Health“ ist scheinbar nur ein Aufhänger und dient nur dazu, die vegane Ernährung zu begründen.

Kritische Eigenbetrachtung

Okay, ich war an dem Punkt angekommen, als der vegane Regenbogen über die Dokumentation gespannt wurde und Bilder von grünen Wiesen, tollen veganen Sportlern und veganen ärztlichen Aussagen über meinen Bildschirm flatterten. Eigene kritische Würdigung? Fehlanzeige. Allein beim Schauen wurden einige Punkte überstrahlt durch die „glorious vegan race“.

Noch vor wenigen Minuten wurde ausführlich erklärt, dass Tiere über ihre Umwelt mögliche Gifte und sonstige Substanzen aufnehmen. Diese nehmen wir wiederum durch unsere fleischhaltige Nahrung zu uns. Das passiert also bei Pflanzen nicht? Wasserverschmutzung scheint hier wieder keine Rolle zu spielen. Passt ja nicht in die Argumentation. Wie und wo wachsen Gemüse, Obst und andere vegane Nahrungsmittel? Bei dem Gemüsebauer um die Ecke oder ist es die Gurke aus den Niederlanden? Und wenn es alle machen sollen, wie lässt sich eine stabile Grundversorgung garantieren?

Dementsprechend unausgewogen existieren auch keine Paleo- oder LCHF-Esser, die sich wohl fühlen und auch gesunde Werte aufweisen können. An dieser Stelle wird das Schwarz/Weiß-Denken besonders deutlich. Es geht nicht darum, Menschen für die vegane Ernährung zu sensibilisieren und mögliche Vor- und Nachteile auf beiden Seiten darzustellen, sondern darum, einen tiefen Graben zu ziehen. Entweder bist du der Gute oder du isst Fleisch.

Eine süße Überraschung zum Schluss: Der Zucker scheint in dieser Dokumentation einige Fans zu haben. Gleich mehrfach wird erwähnt, dass u.a. Zucker für bestimmte Erkrankungen gar nicht der Auslöser sei bzw. sogar geeignet ist, die Krankheiten zu heilen. Spannend. Als Diabetiker schaue ich gern auf die Inhaltsangaben von Nahrungsmitteln. Man glaubt es kaum, wo und wieviel Zucker, Glucosesirupe und andere süßende Mittel verwendet werden. Entweder hatte die Zuckerindustrie bei What The Health ein gutes Wörtchen … ähm Sümmchen eingelegt oder der Film hatte einige Zuckerfans. Dementsprechend verwundert mich die grundlegend positive Einstellung zum Zucker, aber gleichzeitig die vollständige Ablehnung jeglicher Fleischprodukte.

Fazit What The Health

Einen Guckstempel bekommt What The Health. Grundsätzlich ist ein Umdenken wichtig in unserer westlich-modernen Industriegesellschaft, in der Aldi 600 Gramm Steaks für 1,99 € anbieten kann. Ob es durch Schwarz/Weiß-Malerei geschieht, da bin ich mir unschlüssig. Zum einen bin ich fassungslos, wie einfach schlechte Ernährung und Medikamentenmissbrauch funktioniert. Gleichzeitig bin ich nicht angetan, wie What The Health mir ein ganz bestimmtes rosarotes Weltbild vermitteln will, ohne sich selbst zu Hinterfragen.

Dieser Text ist auch auf dem Blog von „Das Filmmagazin“ erschienen. Ich bin nicht nur Diabetiker, sondern beschäftige mich auch gerne und viel rund um das Thema Film. Monatlich produzieren wir dazu einen Podcast.

8 Gedanken zu „What The Health! – What the Fu**?

  1. Eine wirklich interessante Hinterfragung und Auseinandersetzung des Films.
    Sehr angenehm zu lesen. Ich habe den Film gestern gesehen und habe genau den gleichen Grundsatzgedanken.
    Viele Punkte waren wirklich interessant und richtig die durch den Film transportiert wurden. Für mich aber eine zu starke Vermarktung der veganen Ernährung.

    1. Hallo Joelle, danke für dein Kommentar. Jetzt nach ein paar Wochen verfestigt sich der erste Eindruck bei mir. Guter Ansatz mit einem bitteren Beigeschmack.

  2. Ich habe mir die Doku auch angesehen. Zu Diabetes wird hierbei schon zwischen Typ 1 und 2 unterschieden. Es wird nur vereinfacht erklärt.
    Es wird auch gesagt, dass Insulinresistenz sowie Diabetes Typ 2 wieder rückgängig gemacht werden kann, was auch stimmt.
    Bei Typ 1 war die Rede, dass meist Kinder davon betroffen sind und dass Milchkonsum praktisch für die Bildung von Antikörpern verantwortlich ist, die wiederum die B-Zellen des eigenen Pankreas zerstören. Das ist irreversibel. Genauso wenn ein Typ2 Diabetiker zu einem Typ 1 wird.

    Bei Zucker wird schon auch differenziert. Das hätten sie aber etwas mehr ausbauen können. Der Glaube in unserer Gesellschaft dass Kohlenhydrate dick machen oder zu Diabetes führen ist falsch. Es ist wirklich eine zu fettige Ernährung, genauso wie Übergewicht.
    Was gesättigte Fettsäuren angeht, Cholesterin und dass verarbeitetes Fleisch ein Karzinogen ist, da hat der Film in Sachen gesundheitliche Auswirkungen schon recht. Dass verarbeitetes Fleisch ein Karzinogen ist, damit wird noch viel zu leichtfertig umgegangen wie ich finde. Esst es in Moderation. Rauche in Moderation. Man muss nicht erkranken, ds kann nur das Risiko erhöhen. Warum bekommen kleine Kinder das zu essen? Speck, Chickennuggets usw. Man bietet einem Kind ja auch keine Zigarette an. Doch wo ist da der Unterschied? Weil jeder Fleisch isst? Weil es so normal ist?
    Ich mag es dass hier eine klare Position vertreten wird. Auch wenn viele lieber wieder was von der goldenen Mitte hören wollen.

    Habe dazu auf meinem Blog auch ein Review veröffentlicht. Wir essen Pflanzen.com.

    1. Hallo Cordula, danke für deinen Kommentar. Vielleicht kannst du mir ein paar Zeitmarken zukommen lassen, wo genau zwischen Typ 1 und Typ 2 unterschieden wird? Das ist mir nämlich nicht aufgefallen. Einige Positionen möchte ich auch gar nicht bestreiten. Da wir in Überfluss leben und schnell zu verarbeiteten Produkten greifen, ist nachvollziehbar und hat Auswirkungen auf die Gesundheit. Dass aber immer wieder Studien angezogen werden, bei denen schnell aus einer Korrelation eine Kausalität wird, steht für eine schlampige Recherche um einfach die bereits feste Agenda zu bekräftigen.
      Die klare Position ist genau das, was mir sauer aufstößt. Dass es oftmals nicht so einfach ist, wie es dargestellt wird, dass ist aber ein typisches Stilmittel der Dokumentation. Auch eine vegane Ernährung muss erstmal gekonnt sein. Zumindest gehe ich davon aus.

      1. Ab 8:12 geht es praktisch um die Erklärung wie Diabetes entsteht. DIese Erklärung betrifft die Entstehung von Diabetes Typ 2. 
        Ab 26:07 wird kurz erklärt, dass es einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und der Entstehung von Typ 1 Diabetes gibt.

        Es gibt auch ein paar Dinge, denen ich so nicht ganz zustimme und die ich innerhalb der Dokumentation kritisch betrachte.
        Andererseits muss ich sagen, jetzt einmal unabhängig davon, dass ich mich selbst vegan ernähre, ich finde es gut, dass die Doku eine solch klare Stellung bezieht. 
        Als Beispiel sehe ich durch meine Arbeit als Altenpflegerin wie so eine durchschnittsdeutsche Ernährung aussieht. Und man kann gerade dadurch von Monat zu Monat beobachten wie die Patienten immer gewichtiger werden und wie ihre Beschwerden dadurch immer mehr zunehmen. 
        Es gibt jeden Tag mindestens 2 Mal Fleisch. Abends meist noch zur Wurst Käse mit Ei oder Fischsalat. Es ist einfach zu viel. Mehr als noch gesund ist. 
        Pflegerisch betrachtet machen wir die Menschen durch eine solche Ernährung noch kränker als sie ohnehin schon sind. Und gerade das finde ich so fatal. Und das betrifft nicht nur pflegerische Einrichtungen, sondern gilt auch für den ganz normalen Alltag. 

        Tierprodukte sind mittlerweile aus meiner Sicht nur noch in sehr geringen Mengen gesund. Sorry, wenn ich das so klar sage, doch aus meiner Sicht überwiegen die Nachteile den Vorteilen. Von daher finde ich es gut, dass eine solch klare Stellung bezogen wird. 

        Sich vegan zu ernähren ist nicht so komplizert wie es manchmal dargestellt wird. Man sollte sich einfach möglichst vollwertig, unverarbeitet und abwechslungsreich ernähren. Das ist die gesündeste Variante. Aber das gilt für alle Ernährungsformen.

  3. Hallo Zusammen. Ich habe den Fulm auch geschaut. Ich selbst bin seit 18 Jahren typ1 Diabetikerin ( seit ich 7 bin).
    Ich habe mich während des Filmes sehr beherschen müssen .Es kam am Ende so rüber „Du bist selbst schuld hättest du Dich mal vegan ernährt hättest du das ganze nicht“ .
    Ich kenne viele langjährige Veganer im Freundeskreis und in der Familie und finde es eigentlich sehr gut. Leider fand ich aber das hier alles zu „rosa“ vorgestellt wird, denn es wird mich nicht heilen oder von der Insulinpumpe befreien wenn ich vegan esse. Das ist eher empfehlenswert um generell etwas gesünder zu leben (wobei die Pflanzen auf unserer schönen Erde ja auch schon sehr belastet sind).
    Vegan zu leben um die Umwelt zu verbessern macht da für mich mehr Sinn , aber dann müssten es am besten alle tun und das wird wohl nicht passieren.

    Desweiteren war ich geschockt das quasi meinen Eltern die Schuld an meinem Diabetes gemacht werden. Meine Mutter hat das sehr hart getroffen, dabei kann sie da nicht wirklich etwas für.

    Mit der Botschaft das wir selbst etwas tuen können und müssen um etwas an dem katastrophalen Zustand in dem wir leben und mit dem wir die Welt immer mehr vergiften zu ändern, bin ich einverstanden.
    Jedoch wird sich nicht alles ändern wenn wir vegan essen und es werdenbestimmt nicht alle Krankheiten damit vergehen.

    1. Hallo Elke, die Doku macht sich in einigen Fällen schon sehr einfach und zieht die rosarote Brille auf. Wie du sagst, der Ansatz ist eigentlich toll und eine vegane/vegetarische Ernährung kann sicherlich, bei dem heutigen Konsum an Fleisch und Fertigprodukten, nicht schaden. Wie aber das Thema einem näher gebracht wird, das ist leider fast schon sektenartig.

  4. Vielen Dank für den schönen Überblick. Ich hab den Film gestern um ersten mal gesehen und war an einigen Stellen sehr irritiert. Da ich selber im Medizinwesen unterwegs bin, sind nur einige Formulierungen sauer aufgestoßen. Ich hatte mich auf einen Augenöffner a la „supersize me “ gefreut, aber schon die Erklärung von der Entstehung des Diabetes ließ mich stutzen. Und noch etliche andere Fakten wurden tatsächlich sehr verzerrt. Schade drum. Das Thema und einige kritische Zwischentöne sind eigentlich nicht schlecht.
    Weiterempfehlen kann ich den Film leider nicht.

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