Allgemein 18. August 2017 Ilja 4 comments

Schwupps Diaversary: Ein Jahr Diabetes

Wow, da ist schon das erste Jahr mit Diabetes vorbei. Als ob es gestern gewesen war. Eigentlich nicht. Zum Glück nicht. Die vergangenen 365 Tage fühlen sich wie 365 Jahre an. Die ersten Wochen und Monate nach der Diagnose waren durchaus hart. Ich habe mich gefühlt, als hätte mir jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen und egal was ich mache, ich kann mich nicht aufrichten. Aber der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er sich nicht anpassen könnte. So geht es vorwärts und das seit einem Jahr. Mein erster Diaversary bzw. Jahrestag mit Diabetes.

Diabetes ist Alles und Alles ist die Diabetes

September 2016. Ein Monat nach der Diagnose blasen wir unseren großen Urlaub quer durch Osteuropa und Russland ab. Ein kleiner Ausflug nach Wien und Regensburg soll es aber sein. Etwas was man in diesem Moment kontrollieren kann. Falsch gedacht. So wirklich kriege ich von den kleinen Ausflügen nichts mit. Ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Alles was nicht in den Status Quo passt, schreibe ich der Diabetes zu. Magenverstimmung wegen einer fettigen Käsekrainer? Diabetes. Sushi? Kann ich nicht essen wegen Diabetes. Diabetes? Diabetes. Ich kann mich nicht mal mit Menschen unterhalten ohne, dass die Krankheit eine Rolle spielt. Zu dem Zeitpunkt ist auch Sport und Alkohol ein Buch mit sieben Siegeln. Schließlich bekommt man bei der Schulung beigebracht, dass Alles die Blutzuckerwerte in den Keller schießen lässt. Auch nach der Reise fällt der Alltag schwer. Das Fahrrad lasse ich erstmal stehen und fahre mit dem Bus zur Arbeit. Die Werte könnten ja nach unten fallen. Mein erstes Bier (0,3l) habe ich zu einem gemütlichen Open Air-Konzert probiert. Es fühlt sich wie das erste Bier meines Lebens an.

Diabetes ist Etwas und das reicht

August 2017. Ein Jahr nach der Diagnose sind wir unterwegs auf einer kleinen Fahrradtour. Ich habe eine Sport-BE vor der Fahrt gefuttert und als wir ankommen esse ich noch 1 BE. Die kurze Strecke hat doch ein bisschen am Zucker gezogen. Gemütlich gibt es im Café Ragout Fin, ein Stück Käse-Sahne-Torte und einen Cappuccino. Kurz nachgemessen, Nadel drauf und rein mit dem Lebenssaft. Auf dem Rückweg messe ich kurz mit dem Freestyle Libre meinen Zucker. Ups, schon etwas zu niedrig für die Zeit. Wir machen eine kleine Pause und ich esse noch eine Nektarine und weiter geht es. Das Libre ist im Moment das nützlichste Werkzeug im neuen Alltag und erlaubt mir einiges an Freiheit im Diabetesmanagement. Abends gibt es noch Gegrilltes und ein „Feierabendbier“. Das Alles scheint so selbstverständlich zu sein.

Auch Sport und Weggehen fühlen sich nicht mehr wie ein Ausflug zum Mond an. Der Sport ist sogar wieder zu einem festen und wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Das Fahrrad ist mein tägliches Fortbewegungsmittel quer durch die Stadt. Klar muss man nun auch einen Blick auf die Werte werfen und die Lage richtig einschätzen, aber es geht alles (fast) wie früher. Nur mit ein bisschen Anpassung.

Früher war Diabetes ein übergroßes Stück Kuchen in der Kuchenform mit ordentlich Ketchup und Senf. Wer will schon sowas essen? Es hat nirgendwo reingepasst und gleichzeitig ist es überall dabei. Heute ist Diabetes zwar immer noch ein übergroßes Stück Kuchen, aber Senf und Ketschup sind weg. Dass es da ist, ist klar und ich komme nicht drum herum. But me first, Diabetes second. Zwar habe ich das bei der Schulung auch gesagt bekommen, aber an der Umsetzung hat es ganz schön gehapert bzw. hapert es immer wieder. Aber mit jedem Scheitern lernt man dazu, mehr als ein Normalsterblicher, und geht gestärkt aus einer Hypo.

Erster Diaversary: Lebbe geht weider

Nun ist ein Jahr vorbei. Mein erster Diaversary. Sicherlich ein Jubiläum bei dem ich keine Freudensprünge machen werde. Nach den Turbulenzen in den ersten Monaten, ersten Lernschritten und den kommenden mutigen Sprüngen ist Diabetes zumindest zu einem Teil, ein Teil von mir geworden. Meine Innereien hätten mir gerne die Fehlfunktion auch etwas entspannter mitteilen können. Dank der Remissionsphase gestaltet sich der Übergang auch noch recht gemütlich und kontrollierbar. Kleine Fehler verzeiht mir der Körper von alleine. Ich bin gespannt auf die kommenden Jahre und die damit verbundenen Veränderungen. Irgendwann soll es zum Beispiel auch eine Pumpe werden und Closed Loop Systeme sind scheinbar auch nur einen Katzensprung entfernt.

4 Gedanken zu „Schwupps Diaversary: Ein Jahr Diabetes

  1. Hallo Ilja,
    es klingt jetzt etwas komisch, wenn man „Herzlichen Glückwunsch“ schreibt… aber du weißt wohl, wie das gemeint ist. Ich selbst bin jetzt auch demnächst seit einem Jahr dabei… wobei ich jetzt sagen muss, dass ich für mich den Diabetes Typ 1 in mein Leben integriert habe und von Anfang an als Teil von mir hab akzeptieren lernen.
    Gerade bin ich bei Tag 6 meines ersten Libre-Sensors (bei der Suche nach Infos zu diesem bin ich auf dein Blog gestoßen und habe es „im Schnelldurchlauf“ über den Abend hinweg verschlungen) und habe eine neue Liebe gefunden. Bisher habe ich pro tag 5-7 blutige Messungen hingelegt… Die Reduktion dieser auf die bisher abendliche „Gute-Nacht-Messung“ zur Kontrolle ist eine echte Wohltat. Die Überlastung durch die vielen Informationen, die du beschreibst, kann ich bei mir nicht feststellen. Eher im Gegenteil: Ich bin erstmalig richtig im Bilde, denn ich musste feststellen, dass meine punktuellen Messungen mir ein viel zu schönes Bild vorgespielt haben. Einen HbA1c von 5,8 kann man sich auch durch Spitzen und Senken erkaufen…
    Nun… bei mir kam das Thema Diabetes zu mir nach dem Motto: Warum den Mensch mit nur einer Krankheit beuteln… nunja, das Leben hat nicht immer nur schöne Seiten… doch gerade diese wenigen schönen Momente im Leben habe in den vergangenen 10 Jahren, seit es gesundheitlich so richtig rund geht hier, schätzen gelernt…
    Ich wünsche dir, dass du zum Diabetes-Zähmer wirst und dass du dich nicht verrückt machst… habe immer vor Augen: Diabetes ist keine Krankheit – es ist ein Special Effect 🙂
    Ich werde dein Blog zukünftig wohl öfter besuchen und reinschauen… vielleicht kann ein alter Sack wie ich von so nem jungen Knecht noch viel lernen *lach*

    1. Hallo Kim, danke für deinen Beitrag. Dich hat es auch nicht einfach getroffen, da ist Diabetes eher das Sahnehäubchen.
      Die Überlastung kam glaub ich einfach im Paket damals. Die Krankheit neu, Sachen mit denen man sich plötzlich auseinander setzten muss und dann noch die Zahlen, die einem ein breites und zu dem Zeitpunkt zu detailliertes Bild der Krankheit zeichnen. Mittlerweile hat sich das, wie gesagt, gelegt und ich kann es besser einordnen.
      Freu mich, dass ich Menschen tatsächlich mit diesem kleine Projekt erreiche. Ich hoffe, ich kann auch mal mehr schreiben. Es liegen einige Entwürfe auf Halde, aber das böse Studium. 😀

  2. Hallo Ilja,
    Leider habe keine direkte Erfahrung mit Diabetes Typ 1, doch kann ich dir von vielen gleichbetroffenen berichten, die mit einer KH-freien bzw armen Diät deutlichban Freiheit zugewonnen haben.
    Als prominentes Beispiel gilt Halle Berry.
    Auch Grant Schofield berichtet ausführlich über seinen Weg.Beides auf Youtube.
    Das ausführliche Buch heißt : The Diabetes Solution. Von Dr Bernstein
    Mein Installateur hält seit 4 Jahren einen HbA1c unter 5,5 ohne mehr Unterzuckerung
    Seine Ärztin versteht die Welt nicht mehr, lässt ihn aber in Ruhe,da er nicht unterzuckert
    Ich wünsche Dir viel Glück auf deinem Weg

    1. Hallo Heinrich, KH-freie bzw. arme Ernährung lege ich gelegentlich ein um die Werte unter Kontrolle zu bringen, wenn es mal wirklich stark ausschlägt. Da ich immer noch in der Revision bin, laufen die Werte jedoch immer noch ganz gut.

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